Gastbeitrag Vol. II: Baku, immer eine Reise wert…

Das Losglück bescherte uns nicht nur im DFB-Pokal, sondern auch im UEFA-Cup (ja!) den fast weitest möglich entfernten Gegner mit Agdam Qarabagh aus Aserbaidschan. Allein darüber könnte man jetzt Seiten voll schreiben, aber das ist in den letzten Tagen schon zu genüge geschehen. Nach dem ersten Schock war klar, dass das Spiel auf jeden Fall gemacht wird, egal wie. Schön, dass es dann einen Sonderflug von TU zum weitest entfernten Europapokalspiel des BVBs aller Zeiten geben sollte.

Los ging es schließlich um 18.44 Uhr im Zug nach Köln, von wo der Flug starten sollte. Anfangs noch relativ verhaltener Alkoholkonsum, natürlich wollte keiner wegen dem Suff diese Tour verpassen. Trotzdem wurden die Bierregale vom Rewe am Flughafen (sehr geil!) gut ausgeräumt und das warme Gaffel-Kölsch im Duty-Free Shop auch gut genutzt. Beim Reisepasscheck am Flughafen entdeckt man noch eine szenekundige Beamtin. Nach ungefähr 5 Stunden relativ unspektakulärer Flugzeit bewährte sich dann die erste der vielen Schikanen, von denen vorher gewarnt wurde: das Visum. Wer als deutscher Staatsbürger einen Reisepass ohne Eintrag von Armenien oder Berg-Karabach hat und 60 Euro (oder 80 Dollar) dem Land spendieren möchte, dem wird die Einreise gewährt. Problem nur: Da kommen fast 200 Leute ohne Visum an und die setzen da tatsächlich nur 2 Leute hin, die alle Visa per Hand ausfüllen müssen (Drucker scheints dort nicht zu geben) oder besser gesagt ausgemalt, wovon der andere ständig irgendwo durch den Flughafen rennt, dem anderen einfach nur über die Schulter guckt oder Pause macht. Effektiv also eine Person um 186 Visa auszufüllen: geil! Ich hatte Glück und war nach ner guten Stunde fertig, andere mussten wohl angeblich fast 5 Stunden dort warten. In einer Halle, in der es nichts zu essen oder trinken gab. Naja, man befand sich halt in einer anderen Welt.

Dort raus direkt das erste Bier, was zu finden war, geholt und beim Bezahlen quasi vom Stuhl gefallen: 7 Manat (=7 Euro) für ein 0,33 Flaschenbier! Naja bisschen selbst schuld, 20 Meter weiter wollten sie 3,50 für ne große Flasche haben. Egal. Mit dem Shuttle-Bus, die uns freundlicherweise als Zeichen ihrer Wertschätzung vom BVB bereitgestellt wurden, dann ab nach Baku. Autobahn fahren ist in Aserbaidschan nicht zu vergleichen mit Deutschland. Spurmarkierungen und Verkehrsregeln sind nur aus Spaß an der Sache da und ständig rennen irgendwelche alten Omas mit Mülltonnen oder andere lebensmüde Menschen über die Straßen. Der Ölboom in dem Land ist noch nicht besonders alt und so gibt es alle paar Meter eine riesige Baustelle wo das x-te Hochaus hingebaut wird. Letztendlich an irgendnem komischen Platz rausgelassen wo weit und breit nix los war. Bier gabs trotzdem und dann nur noch für 2,50. Erstmal zum Meer, das mit einem ekelig öligen Film beschichtet war und in allen möglichen Farben schimmerte. Naja zum Baden waren wir ja eh nicht da. Bisschen durch die Gegend gejuckelt und dann ab in die City in das erstbeste Restaurant, die als Zeichen ihrer Gastfreundschaft erstmal Lena Meyer-Dingsbums angemacht haben, zum Glück nur einmal, weil damit hätte man uns eher wieder verjagt. Was zu futtern bestellt (Adana Teller mit einer erbärmlich kleinen Portion Pommes, aber guten Schärfe), dat nächste Bier und erstmal gut gehen lassen. Diesmal die Preise vorher abgecheckt und von den im BVB-Mitgliedermagazin prognostizierten 30 Euro für nen Dönerteller + Bier war man weit weg, 13 Manat wollten sie haben. Auch nicht mehr als in jeder deutschen Großstadt in nem Restaurant mit Toplage. Trotzdem gabs keine 100 Meter weiter nen Supermarkt, der mit gekühltem Dosenbier (Efes) für 1,60 echt faire Preise hatte.

Ein bis zehn Bier später dann mal ein kleiner Ausflug in die Altstadt, immerhin UNESCO-Welterbe. Lohnte sich auf jeden Fall. Höhepunkt im doppelten Sinne irgendein alter Turm, von dem man einen wirklich wunderbaren Ausblick über die ganze Stadt hatte. Wieder unten angekommen wollen wir noch ein wenig weiter die Altstadt besichtigen, aber die knallende Sonne und übertriebene Hitze war man in den letzten Wochen in Deutschland nicht gewohnt. So gings halt zurück zum Fountain Square, der als Treffpunkt für alle Dortmunder ausgemacht war und verbrachte dort die restliche Zeit bis es zum Stadion gehen sollte mit gekühltem Dosenbier und Faulenzen im Schatten. Im Vorfeld des Spiels wurde noch gewarnt, dass Essen und Trinken (besonders Alkohol) in diesem muslimischen Land zur Zeit des Ramadans nicht sehr gern gesehen werde. Wirklich schief angeguckt wurden zumindest wir aber nie deswegen. Und eine leichtbekleidete Frau hatte in Baku auch nicht wirklich Probleme, so liefen die Einheimischen dort teilweise nuttiger rum, als man es aus Berlin oder London kennt.

Bevor es dann losging noch ein kleines Treffen mit „Sector 11“, eine der Fangruppierungen des FK Qarabagh. Gesanglich war man uns jedoch wohl eher unterlegen.

Mit einigen Shuttle-Bussen, die wieder vom BVB bereitgestellt wurden, ging es dann nachdem noch ein ordentliches Mobfoto geschossen wurde, endlich zum Stadion. Von außen ein sehr schönes Teil, schöne Ostblock-Schüssel, mit Laufbahn, ohne durchgehendes Dach und mit etwa 30.000 Plätzen ne gute Größe.

Vorher lernte man noch die Polizeiwillkür in Aserbaidschan kennen. Eine noch wenige Stunden vorher genehmigte Choreo wurde plötzlich aus Jux und Dollerei verboten. Die 30 Euro für ne Gästekarte sind ja im Prinzip kein Wucher, aber wenn es für das gleiche Spiel die gleichen Heimkarten für 1 bis 3 Euro gibt und sogar für 10 Euro VIP-Karten mit kostenlosem Essen für einheimische Fans, dann ist das die pure Abzocke. Auf eigene Faust gings dann noch Richtung Heimblock, da man dort angeblich Bier bekommen sollte. Es fand sich letztendlich sogar tatsächlich ein „Lokal“, das in Deutschland wahrscheinlich gegen mindestens 50 Sicherheitsauflagen verstoßen würde und eher nach einer heruntergekommenen Küche aussah, in dem es dann auch echtes Bier gab.

Danach zurück zum Gästeblock, der Anpfiff war nicht mehr weit entfernt, aber vorher noch mal aufs Klo, was schon ein Erlebnis für sich war. Ein Plumpsklo, in einer Art Abstellkammer, in der es (zum Glück) absolut kein Licht gab und von innen aussah, wie ein Dixi-Klo vom Festival, was auf den Kopf gestellt wurde. Nachdem der Brechreiz erfolgreich unterdrückt werden konnte, dann ab in den Gästeblock, bei dem die überteuerte Eintrittskarte nicht wirklicht kontrolliert wurde.

Regt man sich in Deutschland über überzogene Polizeieinsätze bei Spielen wie Dortmund – Mainz auf, wurde in Baku ein Aufgebot präsentiert, das jedes Derby nach Kindergarten aussehen lässt. Die Rolle der Ordner wurde von den Bullen übernommen und die Rolle von denen vom Militär. Schon geil, wenn man in den Gästeblock kommt und die Cops einen befehlen, in welche Reihe man gehen soll und dabei die ganze Zeit lustig ihren Schlagstock durch die Luft wirbeln lassen. Im Innenbereich des Stadions dann einmal ringsum vor den Blöcken im Abstand von vielleicht einem Meter jeweils 1 Militärtyp. Insgesamt waren wohl über 2000 Polizisten und Soldaten im und rund um das Stadion im Einsatz.

Zum Spiel selber muss man wohl nicht viel sagen, es lässt sich auch gar nicht so viel dazu einfallen. Vielleicht war es sogar das langweiligste Pflichtspiel, das ich seit langer Zeit vom BVB gesehen habe. Die Gastgeber von Anfang an bemüht, möglichst schnell ein Tor zu machen, damit sie überhaupt noch einen Sinn hat mitzuspielen, aber ohne echte Chance dazu. Spätstens nach der ersten Halbzeit war klar, dass hier und heute nichts mehr angebrannt gelassen wird. Dafür war die Stimmung Weltklasse. Keine 300 Mann machten von der ersten bis zur letzten Minute und noch einige Zeit länger richtig gut Stimmung und Party. Das lässt sich mit 100.000 Worten nicht richtig beschreiben. Klar, keiner der die 3500km Luftlinie zurückgelegt und einige hundert Euro für den Flug bezahlt hat, möchte dann im Block seinen Mittagsschlaf halten. Die immer noch schwüle Hitze tat dann ihr übriges dazu, dass bereits zum Anpfiff die ersten Oberkörperfrei im Block standen. Nun gut, besonders spielbezogener Support war bei diesem „Spiel“ natürlich nicht drin. So wurde halt alles andere gesungen, was man so in Petto hatte und sei es ein Lied, bei dem ganz gut war, dass sonst keiner im Stadion den Text verstand (irgendwas mit dicken Hupen). Der Stadionsprecher machte auf der anderen Seite den Vorsänger und trällerte immer wieder durch die scheinbar in Jahre gekommenen Lautsprecher ein gekonntes „QA-RA-BAGH“, was letztendlich sogar ab und zu den schwarzgelben Mob dazu brachte, mitzusingen. Der gesamte Support beeindruckte sogar die umstehenden Polizisten so sehr, dass sie gleich zum Mitklatschen animiert wurden. Auch sonst unterschieden sie sich doch stark von den Cops in Deutschland. So versteckte sich zum Beispiel einer während des Spiels im Gästeblock um sich eine Rauchen zu können, genial. Glücklicherweise gab es dann in Nachspielzeit noch ein Tor für uns, so dass man wenigstens auf dem Papier etwas mehr Spannung hatte. Ich muss zugeben, ich hab mich schon über andere Tore mehr gefreut. Nach dem Spiel kam dann die Mannschaft mit Jürgen Klopp geschlossen vor den Gästeblock und intonierte mit uns das Eurapokallied. Zum Abschied warf dann auch jeder einzelne sein Trikot in den Block, eine feine Geste als Zeichen ihrer Anerkennung. Sogar Aki lies sich kurz blicken und verneigte sich vor der Anhängerschar. Es hätten vermutlich alle noch 2 Stunden weiter im Block feiern können, wäre das anwesende „Ordnungspersonal“ nicht zusehends ungeduldiger geworden.

Nach dem Spiel ging es dann mit den Bussen schon wieder zurück zum Flughafen. Dabei fuhr unser Chaos-Busfahrer bei vermutlich einer Mautstelle direkt durch die geschlossenen Schranken und bei einer Autobahnauffahrt erstmal fast auf die Gegenfahrbahn. Sind trotzdem heile am Airport angekommen. Am Kiosk noch für die letzten Manat (durfte man offiziell nicht aus dem Land führen) Bier geholt und nach insgesamt vier Sicherheitsschleusen, incl. Nacktscanner, bei dem 186 durchgeschwitzte, zum Großteil männliche Dortmunder ihre Schuhe ausziehen durften, doch relativ fix in den Wartebereich der Abflughalle. Und weil eine Reise nach Aserbaidschan ohne Korruption nicht geht, wurde einem Dortmunder noch das T-Shirt bei der Kontrolle abgenommen, was er erst gegen 30 Euro wiederbekommen sollte. Darauf wurde sich zum Glück nicht eingelassen.

Letztendlich eine geile Auswärtstour, die wohl kaum einer so schnell vergessen wird. Sehr gastfreundliche Menschen, aber auf der anderen Seite auch jederzeit die Abzocke und Korruption vor Augen geführt. Die Unterschiede zwischen arm und reichen werden einem wohl kaum irgendwo so deutlich vor Augen geführt wie in Baku.

Mal schauen, was die Gruppenphase so bringt, vielleicht in einem Taxi nach Paris…

Autor: Manuel J.

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2 Gedanken zu “Gastbeitrag Vol. II: Baku, immer eine Reise wert…

  1. Keule 31. August 2010 / 21:01

    Sehr schöner Text!

  2. HELENE 31. August 2010 / 21:05

    danke für den so wunderbaren und ausführlichen einblick ein eine so schöne auswärtsfahrt 🙂
    ..mit freude gelesen…TOP!

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